"Lies-WAS!" - Losgelesen - Der Jubiläumstext

 

„Wer schreibt, der möchte auch vorlesen!“ Ob das alle wollen, wissen wir nicht, zumindest die Schreibenden, die mit Freude an der Lesebühne teilnehmen, tun das sehr gerne ...

 

Natürlich kann man sich als Schreibender dazu entschließen für die Schublade zu schreiben, Tagbücher mit Gedanken und Erlebnissen zu füllen, lose Zettelsammlungen in Schränken und Kommoden zu bündeln und all die Gedankenergüsse, die zu Papier gebracht wurden für sich behalten. Ebenso gut kann man aber auch den Wunsch in sich tragen, andere an den Resultaten des geistigen Auswringens teilhaben zu lassen, sie mitzunehmen und in die eigenen Buchstaben– und Gedankenwelten zu entführen. Es ist die Entscheidung eines jeden Schreibenden die Türen zu seinen Welten zu öffnen, sichtbar zu werden, mit dem, was ihn im Inneren bewegt.

 

Aber es kann dauern, bis der Wunsch gereift und der Mut gefasst ist, sich mit den eigenen Texten vor ein Publikum zu trauen. Auch bei mir hat es viele Jahre gedauert, bis ich bereit war, mich mit meinem Schreiben zu zeigen. Wie viele, schrieb ich zunächst nur für mich selbst, füllte Tagebücher und Kladden mit meinen Gedanken, sammelte und bündelte mich auf diese Weise. Es vergingen Jahre und es brauchte viele kleine Schritte auf meinem persönlichen Entwicklungsweg, bis ich bereit war, Mut gesammelt und mich getraut habe, mit meinen Zeilen lesbar und noch länger, mit meinen Gedanken hörbar zu werden.

 

Selbst wenn viele es sich nicht eingestehen möchten, denke ich, dass sich jeder kreative Mensch in einer stillen Stunde wünscht, entdeckt zu werden, dass jemand sein Talent und seine besondere Fähigkeiten erkennt. Dass sich jemand seiner annimmt und ihm dabei behilflich ist, den eigenen Ausdruck zu finden und den Weg zur Bekanntheit zu ebenen. Aber Entdecker wachsen nicht an Bäumen, auch nicht an meinen Bäumen. Doch das ist kein Hindernis, selbst wenn mir bewusst ist, dass die Welt nicht auf mich gewartet hat, so glaube ich doch, dass ich sie mit meinem Tun ein klein wenig bereichern kann.

 

Ich war und bin voller Tatendrang und freute mich sehr, als sich Natalie, eine begeisterungsfähige und offene Gleichgesinnte vor drei Jahren an meine Seite gesellte. Ein Lektorin, die ebenso wie ich, die Entwicklung und nicht nur das Resultat vor Augen hat. Kurzerhand warfen wir unsere Kompetenzen in einen Topf und gründeten die Schreib-Vielfalt, einen kreativen und innovativen Schreib- und Coaching-Verbund, dessen Ziel es ist, Menschen bei ihren individuellen Schreib- und Präsentationsschritten zu begleiten.

 

Ebenso leicht wie sich die Schreib-Vielfalt ins Leben rief, war die Idee geboren, einen Raum zu gestalten, in dem sich Schreibende mit ihren Texten zeigen können. „Wenn es noch keine solche Lesebühne in Bielefeld gibt, dann machen wir eben eine!“ sage ich zu Natalie und hatte das Gefühl, als sei es das Leichteste der Welt. „Ok!“, sagte sie mit strahlenden Augen, „dann tun wir das!“ Nun brauchte es nur noch einen Ort, einen Namen und vor allem brauchte auch es ein Publikum. Eines, das sich interessiert, bereit ist zuzuhören und sich einzulassen. Aber wie kommt man an wohlwollendes und interessiertes Publikum?

 

Es bedarf sicherlich einer großen Portion Unbedarftheit, Mut und Pioniergeist, um zu beschließen etwas gänzlich Neues zu erschaffen, etwas, das es in dieser Form  - in Bielefeld und das gibt es ja irgendwie auch nicht – noch nicht gibt. Zunächst suchten wir einen Namen und es war so leicht wie Äpfel pflücken, die überreif an einem Baum hängen. „Lies-WAS!“ – Die Lese-Lounge war im Nu geboren. Und da wir - also Natalie und ich - gemeinsam lossprühen wie ein kreatives Feuerwerk, dauerte es nicht lange bis die Rahmenbedingungen für die Lesebühne absteckt waren. Wir stellten uns vor, dass wir allen Schreibenden einen Raum anbieten möchten, bekannten Autorinnen und Autoren und auch unbekannten Schreibenden, auch solchen, die mit ihren Texten die ihre ersten Schritte in die Öffentlichkeit wagen würden. Wir wollten eine Lesebühne für Menschen schaffen, die sich selbst im Tun ausprobieren möchten und sich vor Publikum erfahren dürfen.

 

Glücklicherweise liegt mein innerer Kritiker gerne im Tiefschlaf und ist auch nicht erwacht, als wir das Vorhaben weitersponnen. Die Suche nach einem geeigneten Ort begann, doch wir mussten nicht lange überlegen, denn es gab nur einen Platz, an dem die kreativen Schritte Schreibender besser aufgehoben wären, als im wunderschönen Café Künstlerei in Bielefeld – (und das ist, obwohl die grundsätzliche Frage nach der Existenz von Bielefeld im Raume steht, doch heute Abend irgendwie der Nabel der Welt – finde ich).

 

„Lies-WAS!“ – Der Auftakt, am 06.10.2017, war ein bedeutender Moment, nicht nur für mich. Unser "Plan" ging auf und wir waren beseelt und voller Freude an diesem ersten Abend. Schreibende und Zuhörende fanden sich ein und alle genossen das erste „Lies-WAS!“ – Event. Die Aufregung drehte sich wie ein Kettenkarussell in mir und wirbelte mich innerlich im Kreis, drehte sich bis tief in die Nacht hinein und verteilte das überzählige Adrenalin bis in die kleinste Ritze. Gegen morgen erst ebbte die Aufregung ab. Neben bleierner Erschöpfung und Müdigkeit blieb etwas zurück, etwas völlig Neues. Es war die Begeisterung auf der Bühne zu stehen, die sich eingepflanzt hatte und nicht mehr gehen sollte. Eine Begeisterung mit Sogcharakter. Sie blieb nicht nur, sondern sie weitete sich förmlich aus, infizierte mich mit euphorisierter Bühnenlust.

 

Auch wenn ich mittlerweile auf unterschiedlichen Bühnen schon zahlreiche Erfahrungen machen durfte, so erinnere ich mich sehr gut an mein „erstes Mal“, an das Gefühl der Endgültigkeit. Einmal ausgesprochen gibt es kein Zurück mehr. Die Worte sind gesagt und stehen im Raum, dringen in die Ohren der Zuhörer ein. Womöglich setzen sie sich dort fest und bewirken etwas. Was sie bewirken, bleibt für den Lesenden ungewiss, denn jeder versteht auf seine ganz eigene Weise, nimmt sich von den Texten das, was in ihm anklingt.

 

Und so sitzt man mit Spannung - immer wieder neu - bis an die Haarspitzen gefüllt auf dem Lesesofa, liest und spitzt gleichzeitig die Ohren. Trägt Antennen auf der Haut, um jede Reaktion des Publikums mitzuschneiden. Was machen meine Worte mit den Menschen, fragt man sich? Gibt es ein Lachen? Unruhe? Gehaltene Spannung? Oder füllt sogar Unbehagen den Raum? Unbehagen, das durch meine Worte hochgespült wird? Als Lesende möchte man das Publikum abholen, einfangen, mitnehmen und bestenfalls sogar begeistern. Man wünscht sich zu anzukommen, zu gefallen, einen Eindruck zu hinterlassen. Und so bedarf es des Applauses – immer und am besten viel davon - allein schon dafür, dass man sich traut, das man sich nackig macht, mit dem, was man hervorgebracht hat. Applaus und wohlwollende Worte der Zuhörer streicheln die Seele des Autors, füttern sie mit Selbstvertrauen und Anerkennung, geben den Mut weiterzuschreiben und auch vorzulesen. Sie geben auch die Kraft weiterzumachen, die „Lies-WAS!“ – Lesebühne aufrecht zu erhalten. Die Möglichkeit und den Raum bestehen zu lassen und zu gestalten. Doch dafür braucht es nicht nur Schreibende, sondern auch Zuhörende und Raumgebende. Und wir sind dankbar, sehr dankbar, hier sein zu dürfen und mit euch allen unsere kleines Lese-Event hier und heute feiern zu dürfen. „Lies-WAS!“ wird zwei – und wir alle waren mit dabei.

 

"Lies-WAS!"-Jubiläums-Eingangstext von Alexa Förster.

 

 

 

 

 

 

 

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